Genre Guide: Was ist eigentlich Trance?

Genre Guide: Was ist eigentlich Trance?

Es kann unheimlich schwierig sein, die Genres der elektronischen Musik auseinanderzuhalten. Jeden Tag scheint es, als gäbe es ein neues, unsinniges Genre, über das jeder spricht. “Ja, Alter, du musst anfangen Miami Fire-Step zu hören. Das ist das größte Ding seit Swamp House.”

Es wird immer neue Genres geben, die aus der elektronischen Szene kommen. Und es wird unmöglich sein, mit ihnen komplett Schritt zu halten. Trotzdem ist es wichtig, die Unterschiede zwischen den Hauptgenres wie House, Dubstep, Trance und so weiter zu kennen.

Aus diesem Grund gebe ich dir ein Genre Guide an die Hand, das dir hilft, dich in den Genres der elektronischen Musik zurechtzufinden.

Genre Guide: Was ist eigentlich Trance?

Trance setzt mehr als jedes andere Musikgenre auf Melodie. Der Name verrät den Zweck: Trance soll den Hörer hypnotisieren und einnehmen, für Eskapismus sorgen. Daher sind die meisten Trance-Songs viel länger als andere EDM-Songs und werden oft gemischt und neu abgemischt. Lange Tracks spiegeln die Länge von Downtempo wieder, aber Trance ist schneller und mit einem ausgeprägten Four-to-the-Floor-Beat. Trance soll den Hörer auf der Tanzfläche begeistern, nicht zu Hause. Es sollte dich auf eine Reise des Geistes und des Körpers mitnehmen. Doch so wichtig die Melodie auch sein mag, sie sollte die harmonische heilige Dreifaltigkeit von Beat, Bass und Melodie von Trance nicht stören.

Der Aufstieg von Trance

Es ist kein Zufall, dass der Aufstieg von Trance mit dem Fall von Rave zusammenfällt. Trance wurde zu einem Zufluchtsort für erschöpfte Raver, auf der Suche nach Ruhe statt lauter Hyper-Stimulation. Unbewusst hat Trance weniger mit Drogen zu tun als House oder Hardcore Techno (obwohl einige Subgenres es verstehen, das Gleichgewicht wiederherzustellen). Trance kompensiert eine Welt des Hedonismus mit einer Welt der Spiritualität und tieferen Erfahrung. Zumindest ist es das, was oft behauptet wird. Egal, ob der Begriff der Selbstverliebtheit, der Trance manchmal vorgeworfen wird, wahr ist oder nicht, seine Anziehungskraft auf verschiedene EDM-Communities hat gut funktioniert.

Vor allem in seinen Ursprungsländern, die ein geografisches “Trance-Dreieck” bilden: Deutschland, die Niederlande und Belgien.

Genre Guide: Was ist eigentlich Trance?
Genre Guide: Was ist eigentlich Trance?

Trance ist erkennbar an ausgeprägten Synthie-Melodien, die immer den Kern bilden. Alle Arten von Wellenformen, Modulationen und Effekten werden in der Welt des Trance entdeckt. Synth-Melodien bauen sich meist zu theatralischen Höhepunkten auf: dem Crescendo. Crescendos werden durch Arpeggios, ansteigende Tonhöhen oder das Hinzufügen von Layern (Instrumente, Melodien) verstärkt. Nach dem Crescendo kommen die Melodien wieder herunter, mit oder ohne Breakdown, obwohl ein komplettes Fehlen von melodischen Elementen oder Synth-Stabs eher selten ist, da so das Mitreißende verloren gehen könnte. Genau wie moderner Drum ‘n’ Bass, braucht Trance Computer, um produziert zu werden. Er bevorzugt die digitale Technik gegenüber der analogen. Aus diesem Grund ist Trance eines der jüngsten Super-Genres und wird oft mit kristallklaren Sounds produziert. Trance soll nicht aufhören, sein schnelles Tempo (zwischen 135 und 150bpm) stellt sogar House und Techno in den Schatten und nahtlose Mixe versuchen, ein langes Trance-Erlebnis zu erreichen.

Früher wurde Trance nur als ein Teil von House oder Techno angesehen, aus denen er entstanden ist. Doch im Laufe der Zeit hat er sich zu einem vollwertigen Super-Genre entwickelt, obwohl noch immer viel Unwissenheit über seinen hierarchischen Status herrscht. Das liegt zum einen daran, dass die meisten Trance-DJs im Laufe ihrer Karriere zwischen verschiedenen Stilen wechseln und zum anderen daran, dass sich die Trance-Community weniger um die Genre-Klassifizierung kümmert. Trance als Genre scheint einheitlicher zu sein als andere, was es leicht macht, für einen kleineren Stil gehalten zu werden, als es eigentlich ist. Dennoch sollte man den Einfluss und die Wirkung von Trance nicht unterschätzen. Viele berühmte Dance-Songs, die fälschlicherweise für House oder Techno gehalten werden, sind eigentlich Trance. Reiche, erfolgreiche Megastar-DJs gab es vor Trance nicht und EDM konnte seinen Schwung Ende der Neunziger ohne Trance nicht halten. Zu Beginn des neuen Jahrtausends erlebte Trance einen massiven Mainstream-Erfolg, der seine Fangemeinde in eine kommerzielle und alternative Seite polarisierte. In letzter Zeit ist diese Dichotomie nicht mehr relevant, da Trance selbst darum kämpft, relevant zu bleiben. Die Zukunft scheint ungewiss. Aber wenn du nur mit Musik und ohne Bewegung reisen möchtest, ist Trance immer noch deine beste Option.

 

 

Classic Trance & Acid Trance

1990

Im Zentrum des großen elektronischen Tanzsturms der späten achtziger und frühen neunziger Jahre begann die House-Musik viele Formen anzunehmen. Da sowohl Techno als auch Ambient Musik ihren Einfluss auf den Eurodance hatten, verwirrte ein Wirbelwind von (meist temporären) Subgenres viele Musikliebhaber: Dream House, Handbag House, NRG, Anthem/Stadium House, Diva House, Ibiza House, etc. Innerhalb dieser Welle von Stilen sind auch die frühesten Entwicklungen von Trance zu finden. Wie House und Techno verfügt Trance über einen starken Four-to-the-Floor-Kickbeat und eine ähnliche Bassline, aber im Gegensatz zu diesen beiden dominieren Synthesizer-Melodien absolut jeden anderen Teil der Musik. Meistens gibt es mehr als eine Melodie, die stark mit der Synth-Bassline verwoben ist, wodurch eine geschichtete Struktur entsteht. Um die hypnotische, mitreißende Wirkung der Musik zu unterstützen, sind der Beat und der Rhythmus sehr repetitiv und variieren so wenig wie möglich. Die frühesten Formen des Trance entstanden in Deutschland, wo House/Techno DJ’s den schlichtesten, reinsten Trance-Stil kreierten. Besonders Frankfurt und Berlin waren wichtige Horte des “teutonischen” (=deutschen) Trance aka Classic Trance.

Acid Trance bildet das Bindeglied zwischen Acid House und Classic Trance; er bildet also die früheste Form des Trance, aber Acid-Sounds kommen überall im Trance vor und eine Trennung dieser Genres ist sinnlos. Classic Trance ist ein sehr vielfältiges Genre und im Vergleich zu späteren Trance-Genres schwer zu umreißen, aber seine Identität liegt in der schieren Einfachheit, Gelassenheit und Harmonie: Classic Trance sucht nach einem erleuchteten Bewusstseinszustand, ohne sich dem Hörer aufzudrängen.

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Ibiza House/Trance & Dream House /Trance

1993

Auf den warmen und üppigen Balearen, vor allem auf Ibiza, fanden viele DJ’s ein ideales Partyparadies, weit weg von schmutzigen Städten und unterdrückenden Regierungen. Doch Ibiza wurde in den Neunzigern nicht populär, um Party zu machen – die Insel war ein Zufluchtsort für Abertausende von erschöpften Ravern, müde von einer aus dem Ruder gelaufenen Musikszene und zu viel Drogenmissbrauch. Neben der Migration von Schwulen, Künstlern und sozial Ausgestoßenen in dieses Asyl, suchten diese Raver nach einer musikalischen Heilbehandlung für After-Rave-Symptome und Entzugserscheinungen, die idealerweise eine Downtempo-Fusion aus Soft House (Eurodance) und Trance sein sollte.

Ein Ergebnis war ein atmosphärisches Genre, das zu der Umgebung am Meer passte. Keineswegs heavy, sondern eine traumhafte Klanglandschaft mit Naturgeräuschen oder sanften Pianomelodien gemischt auf einen durchgehenden Trance-Bass und Beat: Dream House/Trance. Bemerkenswerterweise wurde Dream Trance als Mittel gegen den alarmierenden Anstieg von Autounfällen nach Raves konzipiert, mit einem langsamen Tempo von 130 bpm und dem Einsatz von Streichern, um den Fahrer ruhig und konzentriert zu halten.

Ein anderes Ergebnis war ähnlich, aber etwas energischer, mit weniger komplexen Melodien und hinzugefügten Vocals, wie eine Ambient-Version von Eurodance: Balearic House/Trance oder Ibiza House/Trance. Balearic Trance baut weiter auf dem lokalen Genre der achtziger Jahre auf: Balearic Beat: eine sommerlich angehauchte, ambiente Art von Eurodisco. Manchmal werden exotische Samples wie spanische Gitarren oder Bandoneons hinzugefügt, was Ibiza noch mehr zu einem Zufluchtsort macht, um alle Sorgen zu vergessen – ein Konzept, dem der berühmte Amnesia Club seinen Namen verdankt.

 

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Goa Trance & Psytrance

1993

Goa Trance und Psytrance, zwei technisch unterschiedliche aber sehr ähnliche Genres, begannen früh und langsam in der Provinz Goa, Indien. Hier suchten spirituelle Flüchtlings-Hippies nach neuen Formen psychedelischer Musik, als House und Techno die Welt eroberten und Acid Rock nicht mehr hip war. Als der Trance erfunden wurde, wurde er schnell zur bevorzugten Musik der Wahl, die sich perfekt zur Begleitung halluzinogener Drogenerfahrungen eignet. Fast jedes Element von Goa Trance basiert auf halluzinogenen Drogen und Tripp-Erfahrungen, insbesondere auf Tryptaminen wie Magic Mushrooms, LSD, Salvia Divinorum und DMT.

Genre Guide: Was ist eigentlich Trance?
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Aber Goa war nicht nur ein Zufluchtsort: es war das Ziel eines langen und abenteuerlichen Hippie-Trails, beginnend in Ibiza, in Richtung Marrakesch, dann in den Mittleren Osten, quer durch Asien nach Kathmandu und schließlich nach Indien. Alle möglichen musikalischen Einflüsse wurden auf diesem Weg mitgebracht, wie z.B. Melodien und Instrumente aus dem Nahen Osten, Ibiza, Dream und Ambient Trance, und indische Raga Musik. Mit all diesen Einflüssen und den Möglichkeiten von frischem Trance verwandelte sich Goa Trance (oft mit “Goa” abgekürzt) schnell in die komplexeste, vielschichtigste Tanzmusik, die jemals erfunden wurde: ein Tsunami aus psychedelischen Soundeffekten, komplizierten Melodien und hyperreinen, punktierten Kickbeats. Goa verwendet oft mehr gleichzeitige Spuren (Multi-Tracking) als jedes andere Musikgenre: Es ist der perfekte Soundtrack für eine blitzschnelle transzendentale Reise ins Unterbewusstsein. Doch Goa ist weit mehr als ein Musikgenre; regelmäßige Goa-Partys auf der ganzen Welt halten den Geist einer blühenden Subkultur am Leben. Spezielle Goa-Deko-Teams (die die Partys mit psychedelischen, fluoreszierenden Kunstwerken verkleiden) und multikulturelle Märkte lassen die Botschaft der Sechzigerjahre von Frieden, Liebe und Offenheit in einem ganz anderen Sound und Look wieder aufleben.

Obwohl Goa Trance seine gesamte Lebensspanne im Untergrund verbracht hat, ist es wirklich ein massives Genre, das in den verschiedensten Ländern beliebt ist (Israel, Brasilien, Indien, Finnland, Deutschland… ) und mit einer Fülle von etablierten Subgenres: Nitzhonot (israelische Fusion mit Epic Trance), Full-On (stark gelayert und energetisch), Suomisaundi (finnischer Rave-ähnlicher Minimal Goa), Dark Psy (gruseliger Bad Trip Goa), Morning Trance (wird bei Sonnenaufgang im Freien gespielt), Old Skool Goa-Trance und noch mehr.

 

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NRG, HARD NRG & (UK) HARD HOUSE

1996

Eine schnellere, treibendere und ekstatischere Version des Eurodance erschien 1995 auf der Tanzbühne und erwies sich in schwulen Kreisen als sehr beliebt. NRG bedeutet Energie, und das sehr treffend: dies ist der “Go-Go des Dance”. Ein hochgradig repetitiv getriebenes Motiv – wie Techno mit ein bisschen Melodie – geht immer weiter und treibt die (schwule) Menge in den Wahnsinn. Damit war Nu-NRG, die Hi-NRG-Version der Neunziger, geboren. Mit anderen Worten: (Nu-)NRG ist die vierte Transmutation in einer gewaltigen Evolution der Disco-Intensivierung (Disco → Hi-NRG = Eurodisco → House → Eurohouse → NRG = Nu-NRG). Doch das war noch nicht einmal die letzte Stufe.

Allmählich wird NRG zu Hard NRG und stark modifizierte Wellenform-Melodien (oft Acid) und der Einsatz von Hoover und anderen Rave-Sounds nehmen an der Musik teil. Von unschuldig und energetisch, wird NRG dunkel und pulsierend, wie ein Quasar unter den Genres. Hard NRG verbindet die Welt von House mit der von Trance, als Kreuzung für andere Genres. Es half den House-Produzenten, sich mit Trance vertraut zu machen, aber in den späten Neunzigern macht Hard NRG einen Schritt weg von Trance in die letzte und entfernteste Stufe der Disco-Intensivierung: (UK) Hard House.

Hard House ist die ultimative Autoscooter-Musik; der Soundtrack des Rummelplatzes: blinkend, stampfend, aufbauend und losbrechend. Hard House aka Retro House aka Stupid House aka Party House ist charakterisiert durch harte Bass-Stabs, alberne Samples, Hover und ein schnelles Tempo von 150bpm. Breakdowns werden entweder durch Stille oder Trommelwirbel verstärkt und leiten harte Höhepunkte ein. Da die amerikanische Presse Hard House als Überbegriff für jede Art von Hard Dance verwendet, wird der spezifische Begriff “UK Hard House” für dieses Genre reserviert (eine schlechte Wahl, wenn man bedenkt, dass Hard House in Deutschland, den Niederlanden und Belgien noch populärer ist)

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  • JX – Son of A Gun
  • X-Cabs – Neuro
  • Felix – Don’t You Want Me
  • Blu Peter – Magic
  • Commander Tom – Are Am Eye
  • Embargo – Embargo
  • Steve Thomas – Higher
  • Robert Armani – Hit Hard
  • Public Domain – Operation Blade
  • Klubbheads – Hiphopping
  • DJ Jean – The Launch
  • Porn Kings – Up to No Good

 

PROGRESSIVE TRANCE

1996

Eine der kompliziertesten Geschichten in der Geschichte der populären Musik ist das Verwirrspiel zwischen Progressive House und Progressive Trance. Die House-Version ist sehr, sehr trancelike und die Trance-Version ist stark von House beeinflusst. Außerdem haben beide Genres im Laufe ihrer Geschichte eine Multi-Wave-Evolution erlebt und sich gegenseitig Namen geliehen, was selbst die erfahreneren EDM-Experten verwirrt. Trotz gewisser Überzeugungen sind sie nicht dasselbe, und da sie beide große und langlebige Genres sind, ist es empfehlenswert, sie als solche zu behandeln.

Das Wort “Progressive” in Progressive House und Trance weist auf einen Fortschritt der Akkorde innerhalb der Musik hin: der Song entwickelt sich allmählich im Laufe der Zeit weiter. Progressive Trance erscheint nach und ist beeinflusst von (der zweiten Welle von) Progressive House. Zwischen dem mainstreamigen, radiotauglichen Ibiza/Dream Trance und dem undergroundigen, kompromisslosen Psytrance wurde ein flexibler Mittelweg benötigt. Inspiriert durch den Erfolg und die Formel von Deep House, entwickelt sich Trance zu viel längeren Songs (daher einfacher zu mixen) mit ausgedehnten Build-ups, Akkorden und Breakdowns. Mit einem durchschnittlich niedrigeren Tempo als der meiste Trance (um die 130bpm) und dem starken Einsatz von Hall, Delay und Wash-Sounds, zielt Progressive Trance auf einen ernsthaften Sound ab. Etwas schwerer und düsterer und subtiler in der Herangehensweise an die Melodie (normalerweise in einer Moll-Tonart), ist das Genre vielleicht eines der effektivsten Trance-Genres, um Bilder aus einer anderen Realität heraufzubeschwören.

Genau wie Progressive House, hat das Genre keine in Stein gemeißelten Grenzen. Es gibt viel Musik, die irgendwo zwischen Progressive und etwas anderem liegt, wie z.B. Tech House, Tech Trance, Hardtrance, oder was auch immer. Nach dem Höhepunkt von Epic Trance nach der Jahrtausendwende, nimmt Progressive Trance seine Position als primäre Kraft innerhalb von Trance wieder ein.

 

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EUROTRANCE & VOCAL TRANCE

1997

Als sich der große Eurodance-Wahn endgültig legen sollte (ca. 1997), trat eine neue, hitorientierte Tanzmusik an ihre Stelle. Dream Trance, Ibiza Trance & Classic Trance Remixe von großen Trance-Produzenten und bahnbrechende Uplifting Trance Tracks tauchen in der zweiten Hälfte der Neunziger sporadisch im Mainstream-Radio und in den Hitparaden auf. Unter dem Einfluss dieser neuen und aufregenden Musik verwandelte sich Eurohouse in Eurotrance. Vocal Trance ist eine spezielle und sehr populäre Art von Eurotrance mit weiblichen Strophen und melancholischen oder emotionalen Refrains.

Eurotrance und insbesondere Vocal Trance haben eine klare radiotaugliche Ausrichtung: Songs sind geschnittene Singles, keine langen Mix-Tracks. Daher ist Vocal Trance sowohl in der Harmonie als auch in der Melodie stärker strukturiert als jede andere Form von Trance und ähnelt am meisten der Pop-Musik, was ihm seinen Beinamen gibt: Poptrance. Am populärsten wurde das Genre in denselben Ländern, in denen auch Eurohouse entstand: Deutschland, Niederlande, Belgien, Schweden und Großbritannien.

Obwohl eher klein und mit bescheidenem Einfluss, trug Vocal Trance enorm dazu bei, Trance einem viel größeren Publikum zugänglich zu machen. Zusammen mit Uplifting Trance bildet Vocal Trance den “kommerziellen” Trance, der nach 2002 an Popularität zugunsten von mehr “Underground”-Trancetypen verlor: Tech, Hard und Progressive. Dieser Verlust lässt sich zum Teil durch eine überbordende Fülle an kommerziellem Trance erklären, die die Gegner in ihrer Abscheu ersticken ließ. Doch der Verdienst des kommerziellen Trance lässt sich nicht unter den Teppich kehren: Er brachte eine riesige Menge tanzwütiger Menschen in einer ekstatischen Umgebung zusammen, ohne Drogenexzesse oder Ärger zu verursachen.

 

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TECH TRANCE

1998

Tech Trance aka Techno Trance ist tatsächlich der Mittelweg zwischen Techno und Trance. Obwohl die meisten Songs eher in Richtung Techno tendieren, haben die meisten Künstler einen Trance-Hintergrund. Tech Trance unterscheidet sich von Trance durch das Fehlen von Build-ups oder Breakdowns, und die Melodie wird mit Zurückhaltung angegangen: keine Arpeggios, progressive Entwicklung oder Multi-Layering. Die Trance-Persönlichkeit liegt in der Verbindung von verzerrten, synthetischen Klängen zu einem sich wiederholenden Leitmotiv, immer und immer wieder. Dies ist das am besten erkennbare Markenzeichen von Tech Trance. Man kann dieses Motiv kaum als Melodie in einer traditionellen, hypnotischen Trance-Manier bezeichnen. Der innovative und intensive Einsatz von Delay auf einer wiederkehrenden Reihe harter Synthesizertöne macht das Genre eher zu einem One-Trick-Pony, aber mit perfekter Ausführung dieses Tricks. Tech Trance ist auch für die Einführung von Side-Chaining in die Welt des EDM verantwortlich: eine Technik zur Reduzierung der Lautstärke bestimmter Frequenzen, die oft verwendet wird, um die Illusion einer lauten Bassline zu erzeugen.

Obwohl bereits 1998 entstanden, rückte Techno Trance erst 2006 in den Vordergrund. Die Stärke von Techno Trance liegt in einer verführerischen Go-Go”-Mentalität: leicht zum Einsteigen, schwer zum Stehenbleiben. Im Vergleich zu z.B. NRG ist Tech Trance eher uptempo und zeichnet sich durch eine Fülle von Percussions aus, die zu komplexen, rauschenden Rhythmen zusammengefügt werden: die Handwerkskunst von Techno gepaart mit der Hypnose von Trance.

 

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HARDTRANCE

1999

Erstens: Progressive Trance und Hard House/NRG führen Mitte der neunziger Jahre zu einem steilen Aufstieg von Diskotheken in ganz Europa, manchmal sogar zu Tanztempeln, die für die Innenstädte zu groß sind. Hier werden diese Genres vermischt, geremixt und beginnen aufeinander zu wachsen. Dies kann als die erste (Proto-)Welle des Hardtrance und die dritte Welle des Progressive Trance betrachtet werden.

Zweitens: Der durchschnittliche MDMA-Gehalt in einer Ecstasy-Tablette verdoppelt sich Ende der 90er Jahre aufgrund verbesserter Herstellung innerhalb kurzer Zeit nahezu.

Drittens: Unfreiwillig in den Ruhestand getretene Breakbeat-Hardcore (Rave)-Produzenten sind auf der Suche nach neuem, unverbrauchtem Klangterritorium und entdecken das Potential des frühen Hardtrance für ekstatische, massenwirksame Musik.

Eins + Zwei + Drei = die dritte Welle des Rave, die kurz vor der Jahrtausendwende zum Hardtrance heranreift. Hoover- und Acid-Sounds und Reverb auf sehr harten Kickbeats geben Hardtrance das Rave-Feeling. Mega-Discotheken entstehen, mit starkem Laser-Einsatz, Gadgets und anregenden Go-Go-Tänzern. Hier gibt es wenig Raum für Interpretationen: Rave ist zurück, aber in Verkleidung. Weibliche oder verzerrte Vocal-Samples mit einem eindringlichen und unheimlichen, aber promiskuitiven Touch häufen sich zu einem bereits dunklen und melancholischen Sound: Das ist Musik für die lange Nacht, die ohne Zeitgefühl von Club zu Club fährt. Es waren vor allem die britischen Gatecrasher-Clubs, die das Genre populär machten.

Mit einem durchschnittlichen Tempo zwischen 140-180 bpm ist Hardtrance sehr schnell, seine Bassline ist tief und treibend. Führende Synthie-Melodien treten jedoch weniger in den Vordergrund oder werden durch Synthie-Stabs ersetzt, teilweise als Reaktion auf die Kommerzialität des Mainstream-Uplifting-Trance. Die Beats werden noch stärker und Rap-Elemente tauchen auf, wenn Breakbeat-Hardcore-Produzenten sich an Hardtrance zu schaffen machen. Nach 2001 wird das Genre wieder härter, weniger melodisch und progressiv und entwickelt sich allmählich zu Hardstyle.

 

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UK HARDCORE & FREEFORM / TRANCECORE & ACIDCORE

1999

Ende der Neunziger Jahre war der “fröhliche” Sound des Happy Hardcore abgestanden und vorhersehbar geworden. In Großbritannien tauschte der Happy Hardcore seine Fröhlichkeit und formale Struktur gegen etwas Rauheres und Freies ein. “UK Hardcore” ist im Grunde das Überlebensergebnis von Happy Hardcore: stärker, schneller, härter und weniger fröhlich. Diese Art von Musik passte sehr gut zu Trance und verschmolz zu einer neuen Art von Musik: Freeform Hardcore oder Trancecore. Genau wie bei Trance sind verschiedene Kanäle mit Melodien, Soundeffekten und Basslines Teil der Musik, und alle Songs sind instrumental.

Da Trancecore Hardcore mit Trance verschmilzt, ist es sehr ähnlich zu den Verschmelzungen von Acid (Trance) oder Psytrance mit Hardcore, die jeweils als Acidcore oder Psycore bekannt sind. Die Verbindung zwischen diesen beiden Subgenres ist wenig überraschend der starke Einsatz der TB-303, die auf jede erdenkliche Art und Weise erforscht (oder sogar missbraucht) wird, und auch in der Welt des Trancecore kein Unbekannter ist. Daher sind all diese Genres eine große Schüssel mit Acid und spacigem, schnellem Hardcore, als wäre Rave nie gestorben.

 

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UPLIFTING TRANCE / EPIC TRANCE

2001

Uplifting Trance (auch als Epic Trance oder Anthem Trance bezeichnet) findet seinen Ursprung Mitte und Ende der neunziger Jahre aus dem Progressive Trance heraus. In Deutschland werden viele Songs noch länger und etwas schneller als üblich (136-144bpm). Die Akkordprogression nimmt zu und vor allem die Breakdown-Abschnitte werden unglaublich lang, um sich zu einer verschobenen Apotheose aufzubauen. Nach und nach werden immer mehr Elemente in den Mix geworfen, um das freudige, euphorische Gefühl, um das es bei Uplifting Trance geht, zu verstärken (z. B. Streicher, hochoktavige Melodien, weibliche Gesangssamples und geschichtete Arpeggios). Dies ist keine unkontrollierte Ekstase, die das Haus niederreißt, wie viele frühere Dance-Genres; Epic Trance ist eine neue Art von Gefühl: euphorische Glückseligkeit, symbolisiert durch eine Masse von winkenden Händen, Tageslicht-Locations und Lasern. Dies geht jedoch auf Kosten einer Vernachlässigung des Basses, der als simpel und sehr repetitiv beschrieben wird. Epic Trance hat viel längere Songs als Eurotrance, die für Festivals oder Tanzveranstaltungen gedacht sind, während das letztere Genre eher auf Plattenverkäufe und Radiosendungen abzielt.

2001 beginnen holländische Produzenten, den “Supersaw”-Sound zu erfinden, der mehrere Sägezahn-Synthesizerwellen zu einer ätherischen, übersinnlichen Melodie kombiniert, und ein neuer Begriff entsteht: “Dutch Trance”. Dieser Moment markiert eine enorme Eruption von Uplifting Trance, bei der das Genre aus dem Underground in stark vermarktete Mainstream-Mega-Events vordringt. Dutch Trance signalisiert den Aufstieg des DJs zum internationalen Superstar. Aufgrund der starken Fokussierung auf die charakteristischsten Trance-Elemente (Breakdowns, Build-ups, klimatische, lange Arpeggien) und des kurzen Moments des internationalen Ruhms wird Uplifting Trance auch als “Pure Trance” bezeichnet. Ein Substantiv, das von der Gegenseite der Classic- und Underground-Trance-Liebhaber entschieden abgelehnt wird.

 

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NEO-TRANCE

2006

Der neueste Stil des Trance, Neo-Trance, ist die Weiterentwicklung des Progressive Trance, allerdings in eine minimalere Richtung. Dieses Genre ist offensichtlich melodischer als seine Vorbilder, Minimal House und Techno. Aber die Melodie hat keine Builds oder Höhepunkte, sie ist auch nichts Hymnenhaftes oder Sensationelles. Sie tritt in den Hintergrund und ist kaum in der Lage, den Hörer zu fesseln. Kombiniert mit einer langsameren durchschnittlichen bpm als bei den meisten Trance, könnte man Neo-Trance ziemlich genau als Ambient-Minimal-Trance beschreiben. Die luftigen, sanften Melodien und weichen Kicks machen Neo-Trance zu sommerlicher Clubmusik, die an balearischen Trance erinnert. Aber es gibt auch Kompression und düstere Verzerrung auf den Basslines, wie eine dunkle Bedrohung, die durch eine Atmosphäre dringt, die auf den ersten Blick heiter und harmlos erscheint. Ironischerweise kommt die Musik gar nicht aus Ibiza, sondern aus Dänemark und Deutschland, wo sich die letzten Reste von Trance in diesem generischen Crossover auflösen, dem Kritiker Selbstverliebtheit und künstliche Raffinesse vorwerfen. In denselben Ländern taucht auch eine minimale Form von Goa auf, die einfach Minimalist Psytrance genannt wird; ein Zeichen dafür, dass es nach Jahren und Jahren “maximalistischer” Rave- und Trance-Genres nur noch eine Richtung gibt.

 

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Dieser Artikel wurde aus dem Englischen übersetzt, das Original findet ihr hier.

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